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Carlo Giuliani

Carlo Giuliani (14.03.1978-20.07.2001) kam in Rom zur Welt, wurde in eine politisch seit langem aktive Familie geboren und bereits 1970 war eine Tante von ihm, Maria Angeloni, bei einem Angriff auf die US-Botschaft in Athen gefallen. Carlo selbst war aber weder Hardliner noch Berufskader. Der junge Geschichtsstudent war Mitglied der gemäßigten Rifondazione Comunista, sowie der Anlaids (einem HIV-Aufklärungs- und Hilfsnetzwerk) und hatte seinen Zivildienst für Amnesty International geleistet.

Am 20. Juli 2001 hatte Carlo eigentlich eine Wanderung zum Meer geplant und trug unter der Jogger schon die Badehose. Am selben Tag fand in seinem Wohnort, der Stadt Genua, jedoch auch der G8-Gipfel statt. Die Proteste dagegen waren riesig. Die Antiglobalisierungsbewegung befand sich auf ihrem Höhepunkt. Ein großer Teil der Stadt war zur »roten« oder »gelben Zone« erklärt worden, in denen jeder Protest kriminalisiert war. Die Polizei ging mit aller Härte gegen jeden Widerstand vor, der an diesem Tag zu sehen war. Tausende wurden verletzt und auf Hunderte so lange eingeprügelt, dass sie den Rest ihres Lebens unter den Folgen der Verletzungen zu leiden haben.

Als Carlo im Radio von dieser Brutalität erfuhr, entschloss er sich spontan, auf seine Wanderung zu verzichten und sich denen anzuschließen, die versuchten der Repression zu trotzen. Er beteiligte sich an den Kämpfen. Mehrere Pressebilder zeigen ihn an Barrikaden und in vorderen Reihen. Dann, um 17 Uhr, auf der Piazza Alimonda ergriff ein Zug zuvor brutal prügelnder Einsatzkräft die Flucht vor der Gegenwehr. Ein Polizei-Jeep verkeilte sich dabei an einem Mülleimer und wurde von einigen Demonstrant*innen beworfen. Mario Placanica, ein gepanzerter Polizist im gepanzerten Wagen gab an, er hätte sich vom vier Meter entfernten Carlo so bedroht gefühlt, dass er zwei Schüsse auf ihn abfeuerte. Carlo wurde durch Kopfschüsse förmlich hingerichtet. Die Umstehenden waren noch in Schockstarre, als der Jeep zweimal den am Boden liegenden überfuhr und sich dann in aller Ruhe entfernte.

Was folgte ist eine, über Jahre andauernde Farce, die schon wenige Minuten nach Carlos Tod mit widersprüchlichen Meldungen begann, die den Todesfall entweder bestritten oder ihn anderen Demonstrant*innen anlasteten. Die Aussagen der Polizei änderten sich mehrfach, ebenso der Obduktionsbericht. Das Gericht erklärt zum Schluss, der Polizist habe nur zur Warnung in die Luft geschossen, die Kugel sei an einem geworfenen Stein abgeprallt, und habe nur deswegen Carlo getroffen, was jedoch Videoaufzeichnungen widerspricht, die zeigen, dass die Waffe direkt auf Carlo gerichtet und nirgendwo ein Stein zu sehen war.

Carlos Vater, der Gewerkschaftler Giuliano Giuliani, erklärt im Gerichtssaal »Mein Sohn ist ermordet worden und das war nicht eine Einzelperson, sondern der Staat. Aber wahrscheinlich werden die Ermittlungen zu dem Ergebnis kommen, dass Carlo Selbstmord verübt hat, während die Polizei gleichzeitig ein Tontaubenschießen auf dem Platz veranstaltete.«

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